Mit jedem Bild malt Julian Khol ein gültiges Zeichen dafür, dass der Malerei zeitlos Zukunft eignet. Dieses ganze Gerede vom Ende der Malerei, nur weil man mittlerweile auch Bilder herstellen kann, die nicht gemalt worden sind. Als wenn das Laufen oder Spazierengehen unnötig geworden sei, nur weil das Auto erfunden wurde. Schauen Sie, das Gegenteil ist der Fall: Das Laufen wird immer wichtiger, je mehr Auto gefahren wird. Die Städte sind voll mit eigentlich Auto fahrenden Joggern – so wie die Malereisäle in den Museen voll mit Besuchern sind, deren Alltag darin besteht, Stunden um Stunden Bilder am Screen zu sehen.

Also, wenn wir uns über Kunst und nicht nur über Bilder unterhalten wollen, wenn wir also den Menschen ins Zentrum unserer Orientierung stellen und nicht irgendwelche abstrakten Tecno-Theoreme, dann gilt – und das muss immer wieder herausgestellt werden: die Malerei ist ein „menschliches Arrangement sensibler Materie“, das „auf einen ästhetischen Zweck hin ausgerichtet“ eben ein Kunstwerk hervorbringt, wie James Joyce es einmal allgemein für Kunst formulierte.
 
Zurück vom Allgemeinen zum Besonderen, mithin zu den Bildern Julian Khols: Sie faszinieren, sie betören, sie bergen Geheimnisse, sie lassen danach fragen, wie sie gemacht worden sind und sie lassen zugleich vergessen, dass sie gemacht worden sind. Das ist ihre ungemeine Stärke. Sie sind – ohne Wenn und Aber! Und sie sind - siehe Joyce – menschlich verantwortet. Sie sind eben da!
 
Und ihre Besonderheiten? Nun, sie entführen, sie ziehen uns den Boden unter den Füssen weg, sie lassen uns träumen… Ja, imaginär sind sie sogar gefährlich. Denn sie entreißen uns unserer gewohnten Welt. Und, sie geben keinen Halt. Sie stellen uns nirgendwo hin oder vor, sie sagen uns nichts, sie bedeuten nichts… Aber, sie sind eben.

Sie sind fremd. Fremd wie ein Meteorit. Sie stellen uns Fremdes und Fremde vor. Als ich in der Galerie Breckner in Düsseldorf zum erstem Male Bilder von Julian Khol sah, kam mir die Situation Kaspar Hausers in den Sinn. So ähnlich, wie es mir vor den tiefen Untiefen der Malerei Khols gegangen ist, muss es Kaspar Hauser gegangen sein, als er als Zwangsautist in die soziale Welt hineinverpflanzt wurde. Er war ja sicherlich fasziniert, aber eben orientierungslos, weil er keine Bezeichnungen hatte für das, was er sah, ja noch nicht einmal das Zu-Bezeichnende kannte. So sehe ich die Bilder Julian Khols: Ich sehe etwas, das ich nicht kenne! Und ich sehe es gerne. Sie faszinieren, aber ich weiß nicht warum! Sie irritieren, obwohl ich materiell das Bild einfach abhängen könnte! Doch das Bild bleibt im Kopf. Offenbar will ich irritiert werden, offenbar will ich irrational fasziniert werden. Und es sieht so aus, als ob es mich drängt, Unbekanntes sehen zu wollen.

Sie fragten, wie ich die Arbeit Julian Khols einSCHÄTZE? Eben, wie ein unbekannter Schatz, den es zu heben gilt!
           Raimund Stecker